Milano Zona Tortura? Diese Frage stellte sich in der Tat für alle diejenigen, die Mitte April die Mailänder Möbelmesse und vor allem auch die Showrooms und Events ausserhalb der Messe, z.B.. Zona Tortona, besuchten. Der Salone Mobili e Fuori hat seine Kapazitätsgrenzen überschritten und ist dem Chaos nahe; er ist mittlerweile die mit Abstand grösste Messe im Bel Paese! Aber wie immer hat sich das Einkaufsteam der Zingg-Lamprecht AG sehr sorgfältig umgeschaut, geellbögelt zwischen Hipstern, Studenten, Einkäufern und Designliebhabern und einiges gefunden:
Wie ein grosses Orchester dirigiert präsentierten die meisten namhaften Kollektionen ihre News in einer recht knappen Mixtur: reduziert auf zwei Materialien und/oder Farben. Rot, Orange, Violett und Gelb sind die neuen Farben. Petrol, Grellgrün und Hellblau sahen wir im Vorjahr schon. Die Farben werden entweder mit dunkler oder heller Eiche kombiniert, wobei die hellen Hölzer generell nun die Oberhand zu gewinnen scheinen. Schöner als helle Eiche wirken übrigens gebleichte, gebürstete Fichte und Esche. Die aktuelle Formgebung möchten wir mit „casual“ beschreiben. Sie ist etwas leichter geworden und unpräziser. Leinen(artige) Stoffe werden auf Sofas mit vielen Kissen verwendet, die chic, aber doch unprätentiös wirken. Auffällig viele bodenfreie Sofas waren wieder zu sehen!
Oben Weiss, unten Holz! So lässt sich der augenfälligste Trend bei den Stühlen, aber auch Tischen beschreiben. Wer dieses Jahr keinen Schalenstuhl in Kunststoff oder mit hellem Bezug, sowie einem (hellen) Holzgestell zeigte, der fiel aus der Reihe. Vorlage für diese „Vielfalt“ ist augenscheinlich der Plastic Chair (DAW) von Vitra. Dazu passend gab’s einige, wenige, passende Tische. Uns gefiel die Kombination Tisch / Stuhl (Jalis) von Cor sehr gut, sowie die neueste Imprint-Stuhlversion von Lammhults. Übrigens: Wenn das Untergestell dann mal nicht aus Holz sein soll, so ist Schwarzverchromung angesagt. Kombiniert mit Leder beispielsweise sieht dies ungemein chic aus. Antonio Citterio entwarf in diesem Look den Regisseur-Stuhl Beverly. Wir ziehen den Hut vor diesem Entwurf des Altmeisters!
Ökologie: Umweltzertifikate, Commitments, Nachhaltigkeitsberichte und immer mehr Öko-Labels säumten unseren Gang durch die Messe und „Fuori Salone“. Nachhaltigkeit ist bei uns schon lange von grosser Bedeutung. Für Ihr persönliches Engagement, auch vor Ort in Indonesien, bewundern wir seit Jahren das Schweizer Label Inch Furniture. Vitamine Design hat uns als Newcomer in der Zona Tortona sehr gut gefallen und Environment (CD ist Jean-Marie Masseaud) überraschte mit viel Substanz. Der Nachhaltigkeitsgedanke fliesst aber auch in die Formgebung ein. Viele Fronten wurden bewusst grob, teils fast brutal gestaltet und geben damit eine gewisse Urtümlichkeit vor. Schein statt Sein darf nicht sein! Vorsicht ist also geboten. An der parallel stattgefundenen Euroluce hingegen gab es eigentlich nur LED Leuchten zu sehen, die nun endlich auch etwas üppiger und nicht nur minimalistisch eingesetzt werden. Bravo.
New Trash!: Dieser Trend muss wohl schon fast als Gegenbewegung zum Green Design verstanden werden, betrachtet man beispielsweise das Sofa Il Giullare (Gaetano Pesce für Meritalia), den neuen vierfarbigen Zanotta-Tisch, oder die Kunststoffhängeleuchten von Flos. Lebt Memphis wieder auf? Kommt die Pop Art ins Möbeldesign zurück? Positiv ist die Freude, die diese Produkte ausstrahlen. Die gängigen Farbtonvariationen von Weiss, Umbra, Grau sind ja auch nicht gerade Stimmungsmacher… Schade dass die Materialisierungen bei diesem Thema so wenig wertig erscheinen.
Insgesamt sehen wir uns darin bestätigt, dass Ursprünglichkeit (beinhaltend Tradition, Nachhaltigkeit, Folklore und Regionalität) der derzeit vorherrschende Trend ist. Viele der aktuellen Strömungen und Bewegungen in der Designszene orientieren sich an Lokalem, letztlich auch Bewährtem. Nicht nur das Design zählt, sondern auch wie, wo und unter welchen Bedingungen etwas hergestellt wird. Wie wollen wir uns an Produkten erfreuen, deren Produktion zur Ausbeutung von Frauen und Kindern führt? Ist es in Ordnung, wenn Produkte nach 2 Jahren entweder aus qualitativen Gründen am Ende, oder aufgrund ihres Aussehens out sind? Nein! Und hierfür stehen wir auch ein. 